Dezember 2011

Der Abschied von Asso

Asso war ein richtiger Kneipenhund, er war zu jedem freundlich, nur bei Besoffenen mied er deren Nähe und zog sich dann in die hinteren Räume der Wirtschaft zurück, zu oft hatte er wohl schon negative Erfahrungen gemacht. Abends ging er oft von Tisch zu Tisch, ließ sich streicheln oder lag im Schankraum.

Sein Frauchen vermietete Fremdenzimmer an Montagearbeiter. Jeden Tag war die Eingangstür zur Wirtschaft von 13.00 – 15.00 Uhr abgeschlossen, dann ruhte die Wirtin im hinteren Zimmer, hatte Kopfhörer auf und machte ihr Mittagsschläfchen.
Eines Tages wollte nun ein Vorarbeiter ausgerechnet in der Mittagszeit die Rechnung für die Zimmer seiner Arbeiter begleichen und betrat den Schankraum, der ausnahmsweise nicht abgeschlossen war.


Der Mann kam genau bis zur Theke, als ein wütender Berner um den Tresen herum geschossen kam und sich drohend vor „dem Eindringling“ aufbaute. Der Mann hatte sich schnell mit einem Sprung auf den Tresen geflüchtet und dort hockte er nun. Immer wenn er sich bewegte, grollte Asso aus tiefster Brust, wich nicht von seinem Platz und ließ den Thekenhocker nicht aus den Augen.
Handys gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht und so robbte der Mann langsam zum Telefon und wählte die 110. Er schilderte den Beamten seine missliche Lage und bat um baldige „Befreiung“.
Den herbei geeilten Beamten gelang es endlich, die Wirtin durch energisches und hartes Klopfen am Fenster zu wecken. Sie brachte ihren Wachhund nach hinten, und danach konnte der eingeschüchterte Vorarbeiter, nach Begleichen der Rechnung, die Wirtsstube unbeschadet verlassen.

Das Wissen, dass bald die gemeinsame Zeit mit Asso in Bochum vorbei war, belastete meinen Mann und mich sehr. Wann immer es ging, war Asso bei uns, und wir genossen wirklich jede Stunde mit ihm.
Zaghafte Andeutungen bei seinem Frauchen, ob sie sich vielleicht vorstellen könnte, Asso mit nach Bonn zu geben, wischte sie mit energischen Handbewegungen fort. Nein, der Bär sollte bei ihr bleiben, er bedeutete ihr alles, vor allem ein lebendes Andenken an ihren verstorbenen Mann. Ich bohrte nicht weiter, konnte ich sie doch eigentlich gut verstehen.

Sohn, Tochter, Schwiegertochter und die Stammgäste, die über Jahre den innigen Kontakt zwischen Asso und mir mitbekommen hatten, alle versuchten, die Wirtin zu überzeugen, dass der Hund mit uns ins Rheinland ziehen sollte. Sie blieb bei ihrem NEIN.


Asso ahnte nichts von den traurigen Gedanken, die mir vor allem durch den Kopf gingen, wenn wir zusammen waren und ich ihn wieder zu Hause abgab. Jede Fahrt nach Bonn begleitete mich Asso, der Wagen war immer bis unters Dach mit Kartons voll bepackt, aber ein Plätzchen für meinen vierbeinigen Freund gab es trotzdem. Sobald wir in Bonn angekommen waren und ich die Haustür aufschloss, lief Asso die Treppe rauf, bellte vor der Wohnungstür meiner Mutter, bis sie aufmachte, und ließ sich dann von ihr verwöhnen.

Ja, dann kam der Tag des schlimmen Abschieds. Die Wohnung und der Keller waren leer geräumt, der Umzugswagen war vollbepackt abgefahren, unsere Autos lagen satt auf der Straße, als wir traurig ins Rheinland fuhren.
Jeden Tag rief ich in Bochum an. Asso wartete mittags und abends vergeblich auf uns und bei jeder sich bietenden Gelegenheit riss er von zu Hause aus.
Zweimal fuhr ich in den folgenden Wochen nach Bochum, und als ich zur Gaststätte kam, war Asso mal wieder alleine unterwegs. Sofort fuhr ich runter zu den Grummer Teichen, wo wir so oft spazieren gegangen waren. Nach zwei lauten Pfiffen kam er tatsächlich im gestreckten Galopp „angeflogen“, brach in ein wahres Freudengeheul aus und konnte sich kaum wieder beruhigen.
Nach gemeinsamen Stunden und einem ausgedehntem Spaziergang stand dann aber wieder die Trennung an und ich fuhr alleine ins Rheinland zurück.


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